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AK Sprechende Vergangenheit

Der Arbeitskreis „Sprechende Vergangenheit“ erinnert mit seinen Veranstaltungen an die nationalsozialistische Vergangenheit der Stadt Jena. Auf gestalteten Stadtrundgängen, bei öffentlichen Diskussionsveranstaltungen, mit Vorträgen und Ausstellungen werden verschiedene Aspekte dieser Zeit thematisiert und zugleich die Geschichtslügen der Nazis demaskiert. Besonders die Stadtrundgänge zu authentischen Orten der Stadtgeschichte haben nachhaltige Wirkung, denn sie unterstützen die Bildungsarbeit schulischer Einrichtungen als offenes Angebot. Gegenwärtig arbeitet der Arbeitskreis an einem virtuellen Stadtrundgang („Vernetztes Gedächtnis“) zum Thema „Jena in der Zeit des Nationalsozialismus“, der auf die Homepage der Stadt Jena gestellt werden soll.

In seinen einzelnen Beiträgen hat der Mahngang die breite Zustimmung der Bevölkerung zur nationalsozialistischen Politik und die Folgen für deren Opfer nahe gebracht. Dieses Anliegen finde ich richtig. Es wird aber durch den Titel, der über dem ganzen stand, einigermaßen in Frage gestellt. Denn nicht der damals alltägliche Antisemitismus und Rassismus gibt so die Klammer ab für die Darstellung der Einzelereignisse, sondern die allzu selbstgewisse Einsicht: So was kommt von so was. Oder noch krasser formuliert: nicht Misstrauen und Sensibilität gegenüber nationaler und kultureller Tradition, wie sie m. E. die angemessene Art der Geschichtsaufarbeitung wären, gehen von dem Motto aus, sondern Selbstbezüglichkeit: „Die Stadt stand in Flammen" wird zur drohenden Mahnung, bei der die Opfer aus dem Blick geraten. „Das haben wir uns angetan" hätte den gleichen Aussagegehalt. Wohl hat der Mahngang in seiner Ausgestaltung die kollektive Selbstverständlichkeit des Nationalsozialismus in den Fokus gerückt, sie wird aber nicht zersetzt, sondern unkritisch weitergeschleppt, wenn die Täter von damals ins Kollektiv der leidenden Stadtbewohner eingemeindet werden: vor dem Bombenhagel sind alle gleich.

Wenn ich die Wahrnehmung der Vergangenheit entlang dieses Mottos strukturiere, wird jede einzelne antijüdische Aktion - die Boykottkampagnen, die Arisierungen, „Juda verrecke"-Rufe, Deportationen und Vernichtung - auf dieses finale Ereignis hin interpretiert. Erst die Bombardierung der Stadt und das Leid der Deutschen, nicht ihre Verbrechen, sind demnach Anlass zur Besinnung, das wird zumindest suggeriert. Aber gibt es denn keine besseren Gründe als die Opfer, die bei der Zerschlagung des Nationalsozialismus durch die Alliierten umkamen, um zu erkennen, dass man ‚so was' wie massenhafte Verfolgung und Ermordung unter allen Umständen hätte verhindern müssen? Natürlich weiß der AK Sprechende Vergangenheit so gut wie ich, dass es diese Gründe damals gab und heute erst recht gibt. Wenn man die für die Verbrechen des Nationalsozialismus Verantwortlichen (vom Landser über das Bahnpersonal bis hin zum Arisierungs-Gewinnler) nicht als gänzlich fremdgesteuert betrachtet, muss man annehmen, dass sie diese Gründe, also die zivilisatorischen Selbstverständlichkeiten, wissentlich über Bord warfen, weil sie auf den Sieg Hitlers hofften.

Warum der AK, auch wenn ihm jede Täter-Opfer-Verkehrung fern liegt, dennoch zur beanstandeten Parole greift, kann ich vermuten. Das Ziel unseres Netzwerks ist es, die von linker Seite gern gepflegten Grabenkämpfe und Abgrenzungsrituale zu überwinden, eine breit anschlussfähige, generationenübergreifende und kulturell vielfältige Bewegung gegen Rechts zu stärken. Dazu gehört es auch, Kompromisse untereinander zu finden und die Adressaten unserer Aufklärung nicht mit Radikal-Rhetorik zu verprellen, sondern für den Rechtsextremismus zu sensibilisieren und in ihrer Handlungsfähigkeit zu unterstützen. Gehe ich davon aus, dass viele Jenenser und Jenaer gerne in ihrer Stadt leben, dann wird die Warnung ‚Stadt in Flammen' auf Neugier und der Wunsch, den Brand zu verhindern, auf Entgegenkommen stoßen. Trotzdem bin ich gegen das Motto des Mahngangs. Wer tatsächlich bei 1945 zuerst an die deutschen Opfer und nicht an das Ende des Nationalsozialismus denkt, kann persönlich einschneidende Erfahrungen haben, ist ignorant, uninformiert oder einfach nur unsensibel. Solange er kein Neonazi ist, ist er Teil unseres imaginierten Zielpublikums. Vielleicht hat er sogar was gegen Nazis. Dann ist es m. E. an uns, die Diskussion zu suchen und den Widerspruch zwischen einer Ablehnung des Rechtsextremismus und der fehlenden Sensibilität gegenüber dem Nationalsozialismus kritisch auszuarbeiten, aber nicht zugunsten des bloßen Mitmachens und Mitdemonstrierens („Wir müssen mehr werden") problematische Ansichten durch missverständliche Parolen noch zu bestätigen. Denn wenn wir davon ausgehen, dass Rassismus und Rechtsextremismus letztlich keine Angelegenheiten gewalttätiger Jugendlicher sind, sondern aus der Mitte der Gesellschaft kommen, dann müssen wir Ansprüche an eben diese Mitte formulieren. Dazu gehört eine Erinnerungspolitik, die ausschließt, dass jemals umgedeutet oder entwichtigt wird, was die Deutschen im Nationalsozialismus taten. Wir brauchen einer wache Stadtkultur, die selbstmisstrauisch ist und neben Schiller und Hegel die Verbrechen nicht nur von NSDAP-Aktivisten, sondern von ‚ganz gewöhnlichen Deutschen' in ihr Selbstbild integrieren kann. Wenn Rassismus ‚gelernt' ist, dann lässt er sich auch aktiv ‚verlernen'. Davon ist keiner ausgenommen, das macht immer wieder Arbeit und Mühe. Niemand hat gesagt, dass es einfach ist, nicht rassistisch zu sein.

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Projekt Mahngang TitelbildAm 1. Februar 2008 hat der Arbeitskreis ‚Sprechende Vergangenheit' des Jenaer Aktionsnetzwerks gegen Rechtsextremismus anlässlich der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler vor 75 Jahren einen Mahngang durch die Stadt organisiert. An verschiedenen historischen Orten wurde Station gemacht, um an die nationalsozialistischen Verbrechen und ihre Opfer zu erinnern.

 

Tag in Jena 1945

(Auszug aus der Erzählung von Ricarda Huch, zitiert aus: Volker Wahl: Ricarda Huch, Jahre in Jena, Schriftenreihe des Stadtmuseums Jena 31, 1982, S. 83-85)

 

Der 14. März 1945 war der erste Frühlingstag des Jahres. Etwa um 3 Uhr nachmittags kam Fliegeralarm, und da unser Häuschen nicht unterkellert ist, gingen wir, wie wir es immer taten, seit Jena angegriffen wurde, zu unserer Freundin, Frau von Haller, deren Haus wir in wenigen Minuten erreichen können. Dort saßen wir ein Weilchen im Keller, dann, als das Fliegergeräusch nachließ, begaben wir uns in den Garten. Die Luft war milde, zwischen den welken Blättern drängten sich Schneeglöckchen ans Licht, es roch nach Frühling ...

Dieser Keller, der uns eine einigermaßen sicherere Zuflucht bedeutet hatte als der weiträumige Keller eines herrschaftlichen Hauses, war gar kein richtiger Keller, wenn auch von der Vorderseite des Hauses aus eine ansehnliche Treppe zu ihm hinunterführte. Das hängt mit der hügeligen Boden­beschaffenheit dieser Gegend zusammen: die Stadt liegt wesentlich tiefer als die Außenviertel. Wie merkwürdig, daß mir der fragwürdige Charakter des Hallerschen Kellers erst jetzt aufging. Wir hätten, was die Sicherheit anbelangt, ebensogut oder ebensoschlecht in unserem teilweise unter­erdigen Häuschen bleiben können; aber zu Hause waren wir unter uns, bei Frau von Haller war immer ein Häufchen Menschen versammelt ...

Früher waren die großen Angriffe bei Nacht, Anfang 1945, als es keine Abwehr mehr gab, fanden sie am Tage statt. Wir hatten schon mehrere schaudernd erlebt, als am 19. März jener furchtbare hereinbrach, der die Innenstadt Jenas vollständig zerstörte. Er kam nicht überraschend, denn man hatte einige Tage vorher feindliche Flieger beobachtet, die fotographierten, und man wußte, was bevorstand...

Als um 11 Uhr der Voralarm kam, machten wir uns zusammen auf den Weg, meine Tochter, mein Enkel und ich. Mein Enkel gehörte als Sanitäter mit dem Titel Rottwachtmeister zu der Hilfspolizei, die bei Fliegerangriffen etwaigen Verletzten die erste Hilfe zu leisten hatte, und er mußte bei dem Alarm, nachts wie am Tage, sich bei der Polizeistation einfinden, der er zugeord­net war. Er war damals 15 Jahre alt, fast noch ein Kind ... Seine Station, ein großes Schulhaus, liegt unterhalb unserer Wohnung, etwa 5 Minuten entfernt ...

Ich dachte, es sei im Grunde einerlei, ob die Bombe unterm Dach oder im Keller treffe, aber das sagte ich nicht. Das dumpfe Rauschen der Todesmaschinen jagte ununterbrochen über uns hin, es waren offenbar sehr viele, und sie flogen sehr tief....

Das Fliegergeräusch wurde immer lauter, immer drohender. Das Gespräch verstummte; .... Dann kam etwas Entsetzliches, Unbeschreibliches; ein langgezogenes zischendes Pfeifen. - Das ist das Zeichen: im nächsten Augenblick werden wir tot oder zerfleischt und doch noch lebend sein. Die rasselnde Schlange stürzt sich auf ihr gelähmtes Opfer, um es in ihrer ekelhaften Umarmung zu erdrücken. Ein Krachen wie Weltuntergang, - das war ein sogenannter Bombenteppich, keine einzelne Bombe. Das elektrische Licht ging aus, es wurde dunkel; stillschweigend wurde eine mitgebrachte Kerze entzündet. Wenn man den Krach hört, ist man gerettet, aber nur für einen Augenblick; das mör­derische Rasseln geht weiter. Wir sind im Rachen des Todes, da ist kein Entrinnen. Es wird lauter und lauter, kommt näher und näher - wieder das mordlustige Pfeifen und dann der tödliche Krach. Hat es uns diesmal nicht getroffen, so trifft es das nächste Mal um so sicherer; es scheint gerade auf unser Haus zu zielen ...

Wer­den wir uns da hindurchzwängen können, wenn wir etwa verschüttet würden? In einem anderen Teil des Kellers wären größere Fenster, sagt Frau von Haller; übrigens sind Leitern, Beile und Hacken da ...

 Wenn nur das fürchterliche, an den Nerven zerrende Getöse der Flieger eine Minute, einen Augenblick aufhörte! Endlich, endlich wird es schwächer, hört es ganz auf. Sollte es vorüber sein?

Das Ende dieses Satzes nahmen wir nicht mehr deutlich auf, denn eine neue Fliegerstaffel näherte sich, das grausame Spiel begann von Neuem. Wir waren schon fast zwei Stunden lang im Keller, und noch eine Stunde lang ging es so weiter. Unwillkürlich duckten wir uns tief, wenn das Pfeifen kam; am liebsten hätten wir uns auf den Boden geworfen und laut geschrien. ,,Hört es gar nicht auf?" fragte meine Tochter mit einer seltsam kleinen Stimme. ,,Doch einmal wird es aufhören", sagte Frau von Haller und versuchte, einen zuversichtlichen Klang in die Worte zu legen. Ich sah sie an: Ihr Gesicht schien mir kreideweiß und sonderbar verändert. War eine Ohnmacht oder ein Weinkrampf im Anzuge? Nein, sie blieb ganz ruhig. ...

,,Ich kann es nicht länger aushalten", sagte meine Tochter. Ich dachte an die vergangene Zeit, als sie klein war und sich vor dem Gewitter fürchtete. Wie lange, wie unendlich lange war das her; und wie glücklich waren wir damals! Wie herrlich war das himmlische Donnerrollen gegen das mordlustige Brüllen der Maschinen! Laß mich in die Hände des Herrn fallen, sagte König David, ich will nicht in die Hände der Menschen fallen. Sie war wie­der mein kleines Kind und fürchtete sich und ich konnte ihr nicht helfen. War ich denn ganz aus­geliefert an diese unwürdige, entnervende, entmenschende Angst? Ich bin alt, dachte ich, ich müßte ein Gebet sprechen oder etwas Erhebendes sagen; aber mir fiel nichts ein, was mir natürlich und angemessen vorgekommen wäre ...

Da kam unverhofft die Entwarnung. Wir verabschiedeten uns und gingen nach Hause. Hatten wir denn noch ein Haus? Ja, da stand es, wenn es auch stark gewackelt hatte, denn die Fensterscheiben waren zerbrochen und Kalk war von den Wänden gefallen, es hatte tapfer ausgehalten und empfing uns mit vertrauter Geborgenheit. Es war wie sonst, nur daß mir alles weit weg zu sein schien und eine feierliche Unwirklichkeit hatte.

Mein Enkel kam erst nach zehn. Seine Station war getroffen, aber er lebte. Die Stadt stand in Flammen.

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