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Am 30. Januar 1933 feierten Jenaer Nationalsozialisten die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. Der Fackelzug begann um 20 Uhr abends und führte vom Holzmarkt in mehreren Stationen zum Marktplatz. Die dabei gehaltenen Reden kündigten eine „gründliche Reinigung des Vaterlandes" an, es erklangen „Hochrufe auf das deutsche Vaterland und den Führer" sowie ein „Siegheil für die nationalsozialistische Bewegung".

Am 1. Februar 2008 - 75 Jahre später - erinnern wir an das Unheil der nationalsozialistischen Vergangenheit. In gegenläufiger Bewegung vom Marktplatz zum Holzmarkt gestalten wir einen Mahngang und machen an verschiedenen Stationen sichtbar, welche Folgen dieser Beginn hatte und welches Leid damit verbunden war.

Nationalsozialisten erheben auch heute wieder ihre Stimmen!

Gehen Sie mit uns und erteilen Sie den „modernen Nazis" eine Abfuhr!

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Der Mahngang hat die folgenden Stationen:

1. Station: Markt - Rathaus: Machtwechsel in Jena im Frühjahr 1933

2. Station: Markt 17, Kaufhaus Behrendt - „Arisierung" - „Reichspogromnacht"

3. Station: Markt - „Bücherverbrennung"

4. Station: Löbdergraben 27 - Die Privatklinik Bergmann bietet noch Zuflucht für jüdische Patienten

5. Station: Saalstraße 16 - Deportation und Ermordung der jüdischen Bewohner

6. Station: Stadtkirche, Johannisstraße - Jena im Nazischmuck

7. Station: Johannisplatz 14 - Die Jenaer Gewerkschaften werden zerschlagen

8. Station: Wagnergasse - Eine Nazibuchhandlung und heute: das „Madley"

9. Station: August-Bebel-Straße - Die „ungesühnten Verbrechen" des Jenaer Polizeibataillons 311

10. Station: Quergasse, IGS „Grete Unrein" - Erinnerung an eine mutige Jenaer Bürgerin

11. Station: Krautgasse - Die Zeiss-Werke im Dienst der Kriegsproduktion

12. Station: Teichgraben 4 - Das Verbot der demokratischen Parteien in Jena

13. Station: Abschluss am Holzmarkt - Die Dichterin Ricarda Huch erlebt die Bombardierung Jenas am 19. März 1945

Impressum, Kontakt, Bild- und Quellennachweise

1. Station: Marktplatz - Rathaus

Der Jenaer Marktplatz war schon immer Handelsplatz zwischen Bauern und Stadtbürgern. An Sonn- und Feiertagen war er geselliger Treffpunkt von Bürgern und Studenten. Er hatte immer aber auch den Charakter eines Aufmarsch-, Fest - und Demonstrationsplatzes, so z.B. am 10. November 1918, als zur Bildung von Arbeiter-und Soldatenräten aufgerufen wurde oder am 26. Juni 1922, als Jenaer Bürger ihr Entsetzen über die Ermordung von Außenminister Walther Rathenau zeigten. Noch 1932 leuchtete die von den Kommunisten angebrachte Losung: „Wählt Liste 3" auf dem rechten Walmdachflügel des Jenaer Rathauses.

Der 30. Januar ist durch die Machtübernahme Hitlers ein tiefer Einschnitt in der deutschen Geschichte, aber es ändert sich nicht das gesamte politische Leben von einem Tag auf den anderen. Der Prozess der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten erfolgt schleichend und beständig. In Thüringen koalierte bereits ab 1932 die NSDAP mit dem Landbund. Fritz Sauckel regierte bereits als Ministerpräsident. Nach den Reichstagswahlen am 5. März 1933 kommt es auf Grund des Gesetzes zur Gemeindlichen Selbstverwaltung zu einer Umbildung des Stadtrates. Am 8. April wird der Thüringer Landesregierung mitgeteilt, dass im umgebildeten Jenaer Stadtrat 13 Vertreter der NSDAP, des Zentrums und der DVP, 3 Mitglieder des Kampfbundes Schwarz-Weiß-Rot, acht Sozialdemokraten und ein Vertreter der Deutschen Staatspartei Sitz und Stimme haben.

Am 1. Mai 1933 hing wie später noch so oft die Hakenkreuzflagge aus dem mittleren Turmstubenfenster des Rathauses. Auch im Juni anlässlich des 430. Geburtstages des Kurfürsten Johann Friedrich und dem 375- jährigem Jubiläum der Universität tauchten neben den in den Landesfarben gehaltenen Fahnen die Flaggen der Nationalsozialisten auf.

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Am 23. Mai 1933 kam es zu einer dramatischen Auseinandersetzung im Jenaer Rathaus. Oberbürgermeister Alexander Elsner saß mit seinem wissenschaftlichen Sekretär Dittmer in seinem Dienstzimmer, als Leute von der Straße sein Dienstzimmer stürmen wollten. Sie riefen: „Bürgermeister raus!" Im Treppenhaus ertönten Sprechchöre: „Bürgermeister raus. Deutschland erwache." Zwei herbeigerufene Polizeioffiziere drängten die Nationalsozialisten aus dem Dienstzimmer des Oberbürgermeisters und verriegelten die Tür, gegen die die Menge, die sich auch nicht von zwei NSDAP-Statdräten und einem Beigeordneten beruhigen ließ, mit ganzer Kraft drückte, allerdings hielt die jahrhundertalte Eichenholzverriegelung. Auf Anraten der Polizei wurde Dr. Elsner in einem Polizeiauto nach Hause gefahren. Auf dem Weg zum Auto bildete die Menge eine enge Gasse. Dem Oberbürgermeister wurde der Hut vom Kopf gerissen. Tätlich angegriffen wurde er nicht. Am 29. Mai 1933 wurde Oberbürgermeister Alexander Elsner seines Amtes enthoben. Der frühere Postinspektor und Kreisleiter der Jenaer NSDAP Armin Schmidt übernahm das Amt des Oberbürgermeisters zunächst kommissarisch. Am 28. Juli wurde Armin Schmidt einstimmig, da es keine oppositionellen Mandatsträger mehr gab, durch den Stadtrat zum Oberbürgermeister „gewählt". Das blieb er bis 1945.

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2. Station: Marktplatz Kaufhaus Behrendt - „Arisierung" - „Reichspogromnacht"

Bereits am 1. April hatte es einen ersten reichsweiten Boykott gegen jüdische Geschäfte, Arzt- und Rechtsanwaltpraxen gegeben. Auch das Kaufhaus Behrendt wurde vom Boykott betroffen.

Die Familie des Kaufhausbesitzers Adolf Behrendt lebte seit 1860 in Jena. Sie gehörten dem aufstrebenden deutschen Mittelstand an. Mit seiner Frau Rosa lebte er zunächst hier am Markt 17. Von 1887-1896 bekommen sie dann die vier Kinder: Arthur, Gertrud, Hans und Paula.

Im September 1896 hatte der Vater gemeinsam mit 11 anderen Juden die „Israelitische Religionsgemeinschaft" gegründet. Die Vermittlung der Traditionen und Lehren des Judentums lag ihm am Herzen. Die Gemeinde hatte in ihrer Blütezeit 1905-1907 sogar einen Lehrer.

Nach dem Tod von Adolf Behrendt übernahmen die Söhne das Kaufhaus. Der ältere Sohn Arthur hatte sogar leitende Aufgaben in der neu gegründeten Gemeinde nach dem Krieg.

Die Söhne Arthur und Hans waren 1914 dem Aufruf des „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischer Abstammung" gefolgt und dienten als Soldaten im I. Weltkrieg.

Am 5. September 1923 wurde in Jena eine Notküche erneuert, die Kaufleute Behrendt beteiligen sich am Aufbau mit 650.000 RM.

Das Kaufhaus der Kette „Wohlwert" genoss überregionale Bekanntheit. In 4 Etagen konnten die Kunden sich von Kopf bis Fuß einkleiden. Durch eine Mischung aus preiswerten Sonderangeboten sowie teuren Qualitätswaren wurde das Kaufhaus zu einem beliebten Einkaufsziel für die meisten Jenaer. Ein Mal im Jahr fand ein Sonderverkauf statt, die „Weissen Wochen".

Mit dem Jahr 1933 veränderte sich das Leben der jüdischen Familie dramatisch. Die antisemitischen Ressentiments waren in Thüringen ja schon vor der Machtergreifung spürbar. Jetzt begannen die angekündigten Boykotte und die Familie wurde durch die Rassegesetze von 1935 isoliert. Der Katalog antijüdischer Verordnungen wurde immer länger.

Die nationalsozialistischen Machthaber versuchten die zahlreichen „wilden" Aktionen von NSDAP-Ortsgruppen oder anderen Antisemiten zu kontrollieren und den Raub von staatlicher Seite zu legalisieren. Die Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben war dabei zentral. „Sühneleistungen" mussten an den Staat gezahlt werden. Diese Ausschaltung wurde im Zuge der Pogromnacht im November 1938 endgültig untermauert.

Die von Goebbels befohlenen Aktionen der sog. „Reichspogromnacht" („Reichskirstallnacht") begannen in Jena am Morgen des 10. November 1938 mit einer Kundgebung auf dem Marktplatz. „Seit heute Vormittag läuft in Jena kein Jude mehr frei herum." Alle jüdischen Geschäfte in Jena wurden geschlossen, vor den Häusern wurden SA-Posten aufgestellt. SA-Trupps zogen durch die Stadt und grölten „Juden raus!" und „Juda verrecke!".

1937 wurde im Kaufhaus Behrendt das 50jährige Geschäftsjubiläum gefeiert. Wenige Monate später wurden die Kaufhäuser zwangsverkauft an Kurt Heppner. Die Situation wurde immer bedrohlicher. Das spürte selbst der Nutznießer. Zum Pogrom im November 1938 schlugen SA-Leute die Scheiben ein, sie hatten eine „jüdische Tarnung" vermutet.

In Jena war der sogenannte Arisierungsbeauftragte und Kaufmann Carl Schmidt verantwortlich für den Zwangsverkauf des jüdischen Besitzes. Dieser kümmerte sich dann auch darum, dass die Villa der Behrendts 1938 enteignet wurde.

Mir ist unbekannt, wo Arthur Behrendt sich bis zu seiner Auswanderung im Jahr 1940 aufhielt. Vielleicht wissen sie es? Die Familie konnte sich für 40.000 RM aus Deutschland freikaufen und zog in die USA. Die Frau von Hans Behrendt, Irene geb. Friedmann, blieb in Jena, um den Haushalt abzuwickeln. Sie wanderte später nach Amsterdam aus, dort wurde sie 1942 von den Nazis aufgegriffen, nach Polen deportiert und vermutlich.

Quelle: Juden in Jena. Eine Spurensuche. Hrsg: Jenaer Arbeitskreis Judentum, Jena 1998

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3. Station: Marktplatz „Bücherverbrennung"

Vom Feuer beim Nazi-Fackelzug bis zum Verbrennen missliebiger Bücher ist es nur ein kleiner Schritt. Mit der Bücherverbrennung am 26. August 1933 wurde auch der 1. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtübernahme in Thüringen gefeiert. Wie zuvor in Berlin und vielen anderen Universitätsstädten wurden Schriften von Karl Marx und Heinrich Heine, Heinrich Mann und Lion Feuchtwanger, Kurt Tucholsky, Erich Kästner und anderen deutschen Schriftstellern von Jenaer Hitler-Jungen unter Anleitung der SA ins Feuer geworfen.

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In Flammen gingen am 19. März 1945 auch die Häuser an der Westseite des Markts auf, so die Hofapotheke und das Kirstensche Haus, in dem Goethe und Schiller 1794 ihre Freundschaft begründet hatten.

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4. Station: Löbdergraben 27 - Die Privatklinik Bergmann bietet noch Zuflucht für jüdische Patienten

Grete Körner

Privatklinik von Dr. Erich und Dr. Marita Bergmann: Diese Station ist Erinnerungsort für das menschliche Handeln von 2 Ärzten, die sich jüdischen Menschen in Jena gegenüber hilfreich zeigten. In der Klinik von Dr. Erich und Marita Bergmann konnte Grete Körner am 22. März 1942 ihren Sohn Friedrich auf die Welt bringen, obwohl ihr der Besuch „arischer Ärzte" schon lange untersagt war, und jüdische Ärzte praktizierten zu dieser Zeit in Jena nicht mehr.

Die Station ist auch Erinnerungsort an Grete Körner und damit an die schwierige Lage der jüdischen Menschen von Jena, vor allem nach dem Erlass der „Nürnberger Gesetze" von 1935: Verbot der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln oder Taxis, Verbot von Telefonen, Verbot des Erwerbs von Seife oder Waschpulver, Verbot des Besuchs von Theater, Kino, Konzert, Verbot des Besitzes von Schreibmaschinen, Fahrrädern, Fotoapparaten und Ferngläsern, von Haustieren, Einzug des Vermögens ...

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5. Station: Saalstraße 16 Deportation und Ermordung der jüdischen Bewohner

1930 gab es mehr als 40 jüdische Geschäfte in Jena. Sie waren aus dem Jenaer Stadtzentrum nicht wegzudenken. Zwei Geschäfte gab es hier in dieser Straße. Im Haus Nr. 16 wohnten vier jüdische Familien in zwei Generationen. Sie betrieben im selben Haus das Herren- und Knabenbekleidungsgeschäft Stensch und das Kleider- und Wäschegeschäft Cohn.

Es waren die aus Tuchel stammenden Geschwister Louis, Marie und Clara. Marie, verheiratet mit Isodor Stensch, betrieb, zusammen mit Louis das Herren- und Knabenbekleidungsgeschäft im Parterre des Hauses. Clara, der ältesten der Geschwister, gehörte das Kleider und Wäschegeschäft. Sie übertrug es ihrer Tochter Edith, die es zusammen mit ihrem Mann Julian Cohn weiterführte.

Nach der Reichskristallnacht am 9. November 1938 blieben die jüdischen Geschäfte geschlossen. Julian Cohn wurde zusammen mit anderen Juden nach Buchenwald verschleppt. Die Zwangsarisierung begann. Bereits am 5. Dezember 1938 ist dokumentiert: Die Geschäfte Stensch und Cohn sind "abgewickelt"

Die jüdischen Familien in der Saalstraße 16 sind ihrer Arbeitsgrundlage und damit ihrer Würde beraubt. Doch damit nicht genug. Louis Zamory wurde am 6.1.1943 in Theresienstadt ermordet Marie Stensch geb. Zamory verstarb am 25.4.1944 in Theresienstadt. Julian Cohn wurde 1942 in Polen, Edith Cohn in Theresienstadt ermordet.

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6. Station: Stadtkirche, Johannisstraße

Jena im Nazischmuck

Am 6. März 1933, am Tag nach der März-Wahl, schreibt die Jenaische Zeitung: „Schwarz-weiß-rote Hakenkreuzfahnen wehten in den Straßen, besonders lebhaften Schmuck hatte die Johannisstraße angelegt. Neben den Farben des alten Reichs und der Nationalsozialisten spannten sich Transparente an den Häuserfronten und über die ganze Straßenbreite. Der Johannisturm zeigte an der dem Johannisplatz zugewandten Seite eine große Hakenkreuzfahne und ein breites Transparent. Auch in den übrigen Straßen grüßte aus allen Stockwerken buntes Fahnentuch. Sogar aus dem letzten und höchsten Fenster des Turms der Stadtkirche wehte eine Hakenkreuzfahne."

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7. Station:Johannisplatz 14 - Die Jenaer Gewerkschaften werden zerschlagen

Das „Gasthaus zum Löwen" war schon seit 1900 das Versammlungslokal der Jenaer Arbeiterschaft. Ab 1920 wurde es das Jenaer Gewekrschaftshaus, zugleich war es Ort der „Volksküche" und Obdach für minderbemittelte Arbeiter. Am 2. Mai 1933 wurden überall im Reich die Gewerkschaften von den Nazis zerschlagen. In Jena zogen um 10 Uhr schwer bewaffnete SA-Einheiten auf und nahmen die Gewerkschaftsfunktionäre „in Schutzhaft". Wenig später zog dort die „Deutsche Arbeitsfront" der Nazis ein. 1935 wurde das Haus zwangsversteigert. Erst im Mai 1945 erhielt die Jenaer Arbeiterschaft hier wieder einen Raum zu Versammlungszwecken.

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8. Station: Wagnergasse - Eine Nazibuchhandlung ...

Schon vor 1933 hatte im Haus des Kunstmalers und ersten Ortsgruppenleiters Georg Reinhardt in der Wagnergasse 3 die NSDAP ihre Geschäftsstelle. Es gab dort seit 1933 auch eine NS-Buchhandlung, die Nazi- Schrifttum verkaufte.

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… und ein Laden mit Klamotten für die Jenaer Neonazi-Szene („Madley“)

Man sollte auch am Haus Wagnergasse 9 nicht einfach so vorbei gehen. Das „Madley" ist schließlich seit 1997 ein Geschäft in dem sich rechtsextrem eingestellte Personen kleiden und so ihre Ideologie nach außen tragen können.

Jedoch wird das kaum sichtbar, da auch Schuhe, Haarfarben sowie Eintrittskarten für Free-Fight-Kämpfe verkauft werden. „Skinheadsachen" wie „Fred Perry" oder „Pitbull" sind ebenfalls nicht eindeutig rechts. Man gibt sich unpolitisch.

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Genau durch diese Orientierung auf einen gemischten Kundenkreis, konnten die Verantwortlichen um Frank Liebau den Laden so lange halten. Im Februar 2005 kam es zur Hausdurchsuchung: „Thor Steinar" - Klamotten wurden beschlagnahmt. Auf der 25 qm großen Verkaufsfläche sind weitere Neonazimarken wie „Wallhall" oder „Consdaple" zu finden.

Wir möchten darauf hinweisen, dass es bei der Aufklärung über die Hintergründe dieses Geschäfts nicht um „Hetze" gegen Personen geht. Wir fordern aber ein Boykott aller nazistischen Inhalte und rufen die Ladenbesitzer auf den Vertrieb dieser Waren einzustellen.

Kein Geschäft mit Verherrlichung des Nationalsozialismus, mit Hass und Gewalt!

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9. Station: August-Bebel-Straße - Die „ungesühnten Verbrechen" des JenaerPolizeibataillons 311

Jenaer Schutzpolizei vor der Polizeikaserne

Angehörige des Jenaer Polizeibataillons 311 waren an der Ermordung zahlloser Menschen beteiligt. Sie beteiligten sich 1943 an der Räumung des Ghettos von Bialystok; sie führten „Säuberungsaktionen" durch; bereits zu Beginn des Krieges trieben sie in Krakau polnische Bürger zusammen, die für den Abtransport als Arbeitssklaven nach Deutschland vorgesehen waren; sie nahmen in Krakau Juden für den Abtransport in die Vernichtungslager fest; sie stellten in der Ukraine Sammeltransporte arbeitsfähiger Menschen zusammen und nahmen an der Erschießung von „Partisanen" teil; sie nahmen an Erschießungen im Gefängnis von Lemberg teil; sie beteiligten sich an der Räumung des jüdischen Viertels von Lemberg und misshandelten die Menschen; ein Jenaer Dozent für „Rassehygiene" war u.a. beteiligt am Massaker im griechischen Dorf Distimo, dem die gesamte Bevölkerung zum Opfer fiel. In Weißrussland war das Polizeibataillon 311 am Niederbrennen zahlloser Dörfer, der Deportation der Arbeitsfähigen, der Massenexekution der restlichen Bevölkerung, der Schaffung „toter Zonen" .... Eine blutige Spur des Massenmords mit Jenaer Beteiligten.

Das alles und mehr ist nachzulesen in der Recherche von Frank Döbert „Nie gesühnte Verbrechen - Das Jenaer Polizeibataillon 311 im Zweiten Weltkrieg" in den Heften „Gerbergasse 18" Nr. 40, 42, 44 und 46.


Jenaer Polizeikaserne Enmarsch einer Wehrmachtseinhaeit in Lemberg

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10. Station: Quergasse - IGS „Grete Unrein" - Erinnerung an eine mutige Jenaer Bürgerin

Grete Unrein, die Tochter von Ernst Abbe, widersetzte sich Versuchen, das Ansehen und Erbe von Ernst Abbe in den Dienst der Nazi-Ideologie zu stellen.

„In seiner Ansprache an die Geschäftsangehörigen zeigte Herr Kotthaus, dass die Carl Zeiß Stiftung durch ihr Statut eine Verfassung erhielt, die sich mit dem Wollen der Reichsregierung in voller Übereinstimmung befindet. Dem kann Jeder zustimmen, aber es muß doch gesagt werden, dass die Wege, welche zu dem gemeinsamen Ziele führen an vielen Stellen stark voneinander abweichen. So wie die Gemeinsamkeiten des Wollens bei Hitler und Abbe feststehen, so muß betont werden, dass viel unendlich vieles Trennendes vorhanden [ist].

Ernst Abbe war der größte Feind und Verächter des Antisemitismus. Für ihn waren die Juden Menschen wie jeder Christ. Er hat oft geäußert, es gebe schlechte, verabscheuungswürdige, aber auch unendlich gütige, hochanständige und hochintelligente Juden, so wie es verantwortliche und gute Christen gebe. [...]" (Notiz von Grete Unrein, undatiert, nach dem 1. Mai 1933 entstanden.)

Grete Unrein

Die Nachbarn als Denunzianten - ein anonymer Brief an Grete Unrein anonymer Brief an Grete Unrein

„Jena, d. 20.4.37 - Frau G. Unrein, Witwe, Jena, Johan-Friedrichstr. 3 - Es erregt nachgerade ein öffentliches Ärgernis, dass Sie an nationalen Festen und Feiertagen in Ihren Hause 1 Etage nicht mit der Nationalflagge flaggen. Sollten Sie zu arm sein, sich eine Hakenkreuzfahne zu kaufen? Oder ist dieses immer noch ein Zeichen Ihrer Demokratischen Ideen. Alles ist für den Führer. Ihre Ablehnung zwingt zu Gegenmaßnahmen, also richten Sie sich danach. Heil Hitler Ihre Nachbarn"

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11. Station: Krautgasse - Die Zeiss-Werke im Dienst der Kriegsproduktion

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Die Firma Carl Zeiss Jena ist mit ihrem militärtechnischen Potenzial für die Kriegswirtschaft im Nationalsozialismus von besonderem Interesse.

„Wenn damals nicht [...] Nedinsco [seit 1921 Tarnfirma von Zeiss in den Niederlanden und ein grober Verstoß gegen die Entwaffnungsbestimmungen des Versailler Vertrages] gegründet worden wäre, die nach Lizenzen der Firma Carl Zeiss arbeiten konnte und die Möglichkeit hatte, die verschiedenen Staaten der Welt zu beliefern, wäre es auch der Firma Carl Zeiss nicht möglich gewesen, auf militäroptischem Gebiet, einschließlich dem Gebiet der Flugabwehrgeräte, die Entwicklungsarbeiten zu betreiben, welche nunmehr wiederum zur Überlegenheit der deutschen Militäroptik geführt haben."

Aus einem Memorandum von Karl Albrecht, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsgruppe Feinmechanik und Optik innerhalb der Reichsgruppe Industrie, im Juli 1940 nach der Kapitulation Frankreichs.

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12. Station: Teichgraben 4 - Das Verbot der demokratischen Parteien in Jena

Im Haus am Teichgraben 4, in dem heute die Fleischerei Puhlfürss zum Kauf von Wurstwaren und zum heißen Imbiss einlädt, befand sich bis 1933 die SPD-Geschäftsstelle, das als GmbH der Sozialdemokratie geführte Arbeiterheim und eine „Volksbuchhandlung". Die Redaktion der sozialdemokratischen Zeitung „Das Volk" befand sich im Spitzweidenweg. Verantwortliche Redakteure waren u.a. Hermann Möhring und Karl Semmler.

Die Zeit vom Januar bis März 1933 war eine Zeit, in der die Mitgliederzahlen in den demokratischen Parteien bröckelten. Nach den Wahlen am 5. März 1933 kam es zu regelrechten Austrittswellen. Dafür nahm der Zulauf zur NSDAP solche Formen an, dass deren Parteiführung am 1. Mai 1933 eine Aufnahmesperre verhängen musste.

Am 23. März wurde gegen die „Nein"-Stimmen der SPD das „Ermächtigungsgesetz" angenommen. Damit war der Weg frei, um die politischen Entscheidungsträger auszuschalten und die Strukturen der KPD und der Gewerkschaften (Anfang Mai 1933) zu zerschlagen. Bereits am 2. Mai wird das Jenaer Arbeiterheim von den Nazis besetzt, die Hakenkreuzfahne wurde gehisst und das NSDAP-Abzeichen angebracht. Am 4. Mai 1933 wurden 15 Arbeitersportvereine in Jena verboten. Am 22. Juni 1933 erfolgte das Verbot der SPD. Das hieß, dass die Mandatsträger von der Ausübung ihrer Mandate ausgeschlossen wurden, dass keine Versammlungen mehr abgehalten und keine Zeitungen und Zeitschriften mehr herausgegeben werden durften. Das Vermögen der SPD und ihr angeschlossener Organisationen wurde beschlagnahmt. SPD-Mitgliedern wurde die weitere Beschäftigung im Öffentlichen Dienst untersagt.

Nach dem Verbot der SPD war es für die Nationalsozialisten nicht mehr weit bis zum Ein-Parteien-Staat. Die Deutsche Staatspartei und die Deutsche Volkspartei, beide nahezu bedeutungslos geworden, kamen einem Verbot durch Selbstauflösung zuvor.

Am 14. Juli vollendeten die Nationalsozialisten die totale Gleichschaltung des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland. Mit Ausnahme der NSDAP wurden alle Parteien verboten. Ein Gesetz zum Parteienverbot, sprachlich ziemlich harmlos als „Gesetz gegen die Neubildung von Parteien" formuliert, folgte. Damit war es den Nationalsozialisten gelungen, bis Mitte 1933 die einzige politische Kraft zu werden.

Die Auslandpresse hat mehrheitlich dazu geschwiegen.

Die Nationalsozialisten zerschlugen jedoch nicht einfach Strukturen der Arbeiterschaft, sie brachten sich auch unrechtmäßig in den Besitz ihrer Immobilien. Im Jahr 1935 finden sich im Adressbuch unter der Adresse Teichgraben 4, die Geschäftsstelle der NSDAP, die der NS-Frauenschaft und die der Hitler-Jugend.

Biographien Jenaer Sozialdemokraten konnten nach dem 2. Weltkrieg recht unterschiedlich verlaufen. Der langjährige Gewerkschafter und Sozialdemokrat Eduard Heinz entschied sich für ein Zusammengehen mit den Kommunisten, während der ehemalige Redakteur des „Volkes" Hermann Möhring, nunmehr in Sachsen-Anhalt lebend, 1952 verhaftet und wegen Spionage zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde. Sein Leidensweg führte ihn über Swerdlowsk und Bautzen nach Brandenburg. 1964 wurde er von der Regierung der BRD freigekauft.

Für uns gilt es, Lebensspuren aller demokratischen Kräfte zu sichern, die ab Juli 1933 keinen politischen Betätigungsraum mehr hatten.

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13. Station: Abschluss am Holzmarkt - Die Dichterin Ricarda Huch erlebt die Bombardierung Jenas am 19. März 1945

„... Früher waren die großen Angriffe bei Nacht, Anfang 1945, als es keine Abwehr mehr gab, fanden sie am Tage statt. Wir hatten schon mehrere schaudernd erlebt, als am 19. März jener furchtbare hereinbrach, der die Innenstadt Jenas vollständig zerstörte. Er kam nicht überraschend, denn man hatte einige Tage vorher feindliche Flieger beobachtet, die fotographierten, und man wußte, was bevorstand...

... Wir sind im Rachen des Todes, da ist kein Entrinnen. Es wird lauter und lauter, kommt näher und näher - wieder das mordlustige Pfeifen und dann der tödliche Krach. Hat es uns diesmal nicht getroffen, so trifft es das nächste Mal um so sicherer; es scheint gerade auf unser Haus zu zielen...

Die Stadt stand in Flammen."

Zum Textausschnitt, der beim Abschluss des Mahngangs am Teichgraben als Tonaufnahme mit der Stimme von Ricarda Huch vorgelesen wurde: hier klicken .

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Impressum, Kontakt, Bild- und Quellennachweise

Der Mahngang am 1. Februar 2008 wurde vorbereitet und veranstaltet vom Arbeitskreis „Sprechende Vergangenheit" im Jenaer Aktionsnetzwerk gegen Rechtsextremismus. Es ist daran gedacht, diesen ersten historischen Rundgang (es sollen weitere folgen) auch als Angebot für Jenaer Schulklassen auszuarbeiten. Anfragen und Nachfragen - auch; wenn Sie im AK „Sprechende Vergangenheit" mitarbeiten wollen - richten Sie bitte an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! .

Bild- und Quellen-Nachweise: 1. Station: Rathaus (Stadt Jena, Baukartenarchiv), abgedr. in E. Schulz, Verfolgung und Vernichtung - Rassenwahn und Antisemitismus in Jena 1933-1945, Baust. zur Jenaer Stadtgesch. 11, 2007 (Cover) - 4. Station: Grete Körner, Sommer 1942, abgedr. in Gisela Horn, Jüdische Frauen in Jena, Beitrag im Sammelband, S.67. - 6. Station: Johannisstraße im Nazischmuck, Sammlung Döbert - 7. Station: Gewerkschaftshaus Privatfoto W. Rug - 8. Station: Nazibuchhandlung Wagnergasse: Jenaische Zeitung 1933 N3. 55, S.16. - Hitler-Plakat: abgedr. in Josef Wulf, Literatur und Dichtung im Dritten Reich, Gütersloh 1963, Abb. 1. - Madley Foto Aktionsnetzwerk - 9. Station: Die Bilder sind abgedr. in: Frank Döbert: Nie gesühnte Verbrechen - Das Jenaer Polizeibataillon 311 im zweiten Weltkrieg, in: Gerbergasse 18, Heft 1/06, Umschlag; Bild 4 BStU, Bilder 15 u. 16 Sammlung Döbert - 10. Station: Grete Unrein 1940, Städtische Museen Jena, abgedr. in Katrin Stiefel, Grete Unrein, in: Gisela Horn (Hg.): Entwurf und Wirklichkeit, Frauen in Jena 1900-1933, S. 165.; Anonymer Brief: Firmenarchiv Carl-Zeiss Jena, Nachlass Ernst Abbe, Nr. 26129. - Briefzitat von G.U.: Carl Zeiss Archiv, Bestand BA des VEB Carl Zeiss Jena, Nr. 20517. - 11. Station: Zeiss-Memorandum: Quelle: Carl Zeiss Archiv, Bestand BA des VEB Carl Zeiss Jena, Nr. W 54. - Zeisswerk Gesamtansicht, abgedr. in Rolf Walter, Zeiss 1905-1945, Köln 2000, Abb. 8, S. 50. - 12. Station: Haus Teichgraben 4, Bildausschnitt, abgedr. in E. Schulz, Rote Fahnen - braune Hemden., Baust. Zur Jenaer Stadtgeschichte Bd. 10, 2005, S.83. - 13. Station: Ricarda Huch (Atelier Knauf), abgedr. in Volker Wahl, Ricarda Huch , Jahre in Jena, Schriftenreihe des Stadtmuseums Jena Nr. 31, 1982, S.10; dort auch der gesamte literarische Text zur Zerstörung Jenas. - Alle 7 Bildcollagen (Titel, 2., 3., 11. Station und Schlussbild: Philipp Gliesing).

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