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Am 26. und 27. August 1939 fand anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Carl-Zeiss-Stiftung ein, wie es in der Ausgabe der Jenaischen Zeitung vom 28. August 1939 hieß, „Fest des Friedens“ statt: Ein Volksfest, scheinbar unberührt von den Ereignissen in Deutschland in diesen Tagen.

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Dieses Fest sollte in Anlehnung an den für Anfang September 1939 geplanten „Reichsparteitag des Friedens“ in Nürnberg begangen werden. Es war das Werks- und Sportfest der beiden Stiftungsbetriebe Zeiss und Schott und wurde erstmals von beiden Betrieben gemeinsam gefeiert, in einem besonderen Stil und Umfang in den Anlagen des 1. Jenaer Sportvereins. Die Sportanlage sollte von nun an den Namen „Ernst-Abbe-Sportfeld“ tragen.

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Was für eine Inszenierung! - Eine Kulisse ähnlich wie beim Reichsparteitag in Nürnberg, der größten Propagandaveranstaltungen der NSDAP. In gleicher Weise sollte das Sport- und Werksfest die Jenaer Bevölkerung auf Adolf Hitler einschwören und indirekt auf den Krieg vorbereiten.

Stiftungskommissar Prof. Esau würdigte Persönlichkeit und Schaffen Ernst Abbes, insbesondere sein sozialreformerisches Lebenswerk.

Doch das Erinnern an diese progressiven Leistungen wurde bald übertönt von den patriotischen national-sozialistischen Aufrufen und politischen Bekenntnissen der nachfolgenden Redner.

Gauwirtschaftsberater Schieber sprach in Vertretung des thüringischen Gauleiters Fritz Sauckel, der sich bereits in Berlin in Hitlers engster Umgebung befand:

 

„Sie (Hitler und Sauckel) sind in dieser Stunde mit ihren Gedanken unter euch, weil sie voller Stolz wissen, daß Tausende ihrer Arbeitskameraden hier in Jena als Pioniere deutschen Schaffens mit ihren Händen treuer Arbeit das Werk des Führers unterstützen. […] Seit Monaten, seit Jahren arbeitet ihr 60 Stunden und mehr und habt eure Pflicht getan, wie ihr sie morgen als Pioniere der Arbeit und als Soldaten des Führers wieder tun werdet. …

… Die Einkreiser und Kriegstreiber mögen wissen, dass achtzig Millionen deutsche Männer und Frauen geschlossen hinter dem Führer stehen und in Treue, Pflichtbewusstsein und Hingabe sich für Volk und Vaterland einsetzen werden, wenn er uns aufruft. Dieser Schwur … bedeutet in dieser Stunde der Entscheidung, daß wir einsatzbereit bis zum Letzten sind!“ Sein dreimaliges „Siegheil“ auf den Führer weckte bei der vieltausendköpfigen Festversammlung begeisterten Widerhall.

Auch wenn Hitler schon vor Monaten im Falle eines Krieges das „Ende der jüdischen Rasse in Europa“ angedroht und den Angriff auf Polen konsequent vorbereitet hatte, wollte die deutsche Bevölkerung an einen erneuten Krieg nicht glauben.

Auch in Jena machte man mit bei dem „Fest des Friedens“: Es wurde gefeiert, gelacht, gesungen, gegessen und getanzt. Es begann mit einem gemeinsamen Mittagessen. Danach drängten sich die Besucher um die Bratwurst- und Bockwurstbuden, aßen Kuchen und Schokolade, tranken Apfelwein und Kaffee. Auf dem Kinderspielplatz spielten Karussells und Kaspertheater. Die Kinder wetteiferten beim Sackhüpfen, Ballwerfen und Eierlaufen. Auf den Bühnen gab es Theater, Gesänge, Volkstänze und Turnvorführungen.

Es war das größte, schönste und glanzvollste Kameradschaftsfest, was jemals in unserer Universitäts- und Industriestadt begangen wurde.“ - so stand’s im Jenaer Volksblatt.

Den allerletzten Appell richtete Kreisleiter Müller an die Festgäste. Während seiner Rede standen die Fahnen leuchtend gegen den schon dunklen Himmel, die Hände recken sich zum Gruß an den Führer auf.

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„Wir haben es nicht nötig vor der Welt als Habenichte zu stehen - beengt und abhängig – sondern wir haben das Recht – und das beweist auch euer mächtiger Betrieb, auf diesem Erdenball das zu besitzen, was einem großen Volke gehört. Und in dieser Stunde grüßen wir den Führer, an den wir glauben und dem wir folgen, wohin er immer befiehlt.“

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Das Fest ging mit einem großen Zapfenstreich militärisch zu Ende. Das Feuerwerk wurde ganz realistisch zum Schlachtenfeuerwerk - mit grellem Flammenschein, mit wuchtigen Abschüssen und Einschlägen, mit ratternden Maschinenpistolen.

Trotz Friedensbeteuerungen und inszenierter Feste für den Frieden war die Entscheidung für den Angriff auf Polen gefallen. Hitler war dabei, seine mörderischen Ideen auf Kosten der Menschen in Europa zu verwirklichen. Die deutsche Bevölkerung ahnte am 26. August 1939 noch nicht, welchen Preis sie dafür zahlen musste.

Der Krieg schleicht sich ins Jenaer Alltagsleben.

Die Propagandamaschine durchdringt alle Lebensbereiche und sucht die Menschen für diesen Krieg zu gewinnen. Schon zehn Tage vor Kriegsbeginn, am 21. August, beginnt man mit der Ausgabe von Gasmasken. Stadtteilweise sind die Gasmasken-Bezugsscheine bei der Nationalsozialistischen Wohlfahrt in der Sellierstraße 7 einzulösen. Es gibt „nützliche Winke für den praktischen Luftschutz“, z.B: „Wie man sich selbst eine Tragetasche für die Volksgasmaske schneidert. In 19 Bildern und mit ausführlichem Begleittext.“

Während sich die Männer zur Wehrmacht melden, beeinflusst der Kriegsbeginn auch das Leben der Frauen und Mütter in Jena. Für den 10. September finden unter dem Titel „Die deutsche Frau in der Front unseres kämpfenden Volkes“ Frauenversammlungen mit Vorträgen statt: „Jenas Frauen halten den Heimatfrontabschnitt“ ... „auch die Frau ist Soldat“. Mädchen über 17 haben sich beim Gesundheitsdienst zu melden. Wegen der Verdunklungspflicht müssen Einkäufe bis 18:30 Uhr erledigt werden.

Schon seit Mitte August gibt es für Lebensmittel Bezugsscheine, dazu Tipps: „Wie nutze ich Bezugsscheine am besten aus“. Diese gibt es am 28. August für Lebensmittel, Seife und Kohle.

Am 22. August wird die Technische Nothilfe zusammengerufen, mit allgemeiner Dienstpflicht auch für alte und inaktive Helfer: Technischer Dienst, Luftschutzdienst etc. Zwei Tage später folgen die Vorschriften für die Einrichtung eines Luftschutzkellers, mit Luftschutzwart, Notausgängen, Luftschutzapotheke und Handfeuerspritzen.

Am 28. August werden die Post- und Transportwege in den Dienst des Kriegs gestellt: zehntägige Postsperre für Teile der Wehrmacht; eine Vielzahl von Zügen fällt aus, die Omnibuslinie Dresden-Weimar wird eingestellt...

Am 2. September titeln die Jenaer Zeitungen „Von jetzt an: Gewalt gegen Gewalt – Die deutsche Wehrmacht wird mit harter Entschlossenheit kämpfen“ und informieren über den selbst fingierten Überfall auf den Sender Gleiwitz – ein einziges Lügengebäude, gegründet auf antipolnische Hetze. Der Krieg hat begonnen.

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Am 3. September dann die erste Vollverdunkelung der gesamten Stadt. Todes- und Zuchthausstrafen werden eingeführt für Verbrechen, die während der Verdunkelung begangen werden.

Die drei Jenaer Kinos bringen schon ab dem 8. September die „Kriegswochenschau mit Bildern von den Kampfhandlungen“.

Besuche in Gaststätten wurden mit Kriegsbeginn teuerer, Kriegszuschläge auf Spirituosen, Liköre, Weinbrand, Bier, Tabak; die Speisekarten werden drastisch umgestellt, nur noch vier Gerichte, Montag und Freitag nur noch fleischlos, Tanzveranstaltungen sind gänzlich verboten – auch die Jenaer Gastwirte im Dienst an der „Heimatfront“.

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An die Kleingärtner geht der Aufruf, den Garten rationell zu bearbeiten und auszunutzen. In der Buchhandlung Müller sieht man im Schaufenster die neuen Karten vom polnischen Kriegsschauplatz.

Verkehr- und Transportwesen werden kriegerisch: Wegen der Verdunklung müssen die Fahrzeuge von den Straßen entfernt werden, die Volksgenossen sollen rechts gehen: „Wer links geht, zeigt, dass ihm wenig Verkehrsdisziplin inne wohnt“ ... Am 06.09. liest man in der Jenaischen Zeitung: „Die Verkehrsunfallziffer muß gesenkt werden – täglich verlieren wir durch Verkehrsunfälle wertvolles Menschenmaterial.

Das alles klingt heute eher kurios. Aber es war kein Spaß. Am 12. September stand die erste Todesanzeige in der Jenaischen Zeitung:

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Jena nach dem Ende des 2. Weltkrieges

Die Zeiss-Werke

Die Jenaer Zeiss-Werke wurden während des 2. Weltkriegs mehrfach von englischen und amerikanischen Bomberverbänden angegriffen, weil sie die drei Wehrmachtsteile Heer, Luftwaffe und Marine mit optischen Ziel- und Visiereinrichtungen beliefert hatten.

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Opfer und Schäden der Luftangriffe:

Während der alliierten Luftangriffe auf Jena verloren 791 Menschen ihr Leben, darunter auch viele ausländische Zwangsarbeiter. 17 weitere Menschen fielen dem Artilleriebeschuss am 10. und 11. April 1945 zum Opfer. 1166 Bürgerinnen und Bürger wurden verletzt. Die Gesamtzahl der Kriegstoten und Verletzten umfasste drei Prozent der damals in Jena lebenden Bevölkerung.

Infolge der Bombardierung waren 17% der Häuser und Wohnungen so stark beschädigt worden, dass sie nicht mehr bewohnbar waren. 16% der Jenaer Bevölkerung verloren alles oder einen Teil ihres häuslichen Eigentums.

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Besetzung Jenas durch amerikanische, später durch sowjetische Truppen:

Nach dem Ende der Kampfhandlungen in Thüringen Mitte April 1945 stand Jena zunächst unter amerikanischer Besatzung. Anfang Juli besetzten vereinbarungsgemäß sowjetische Truppen die Stadt.

Vertreibung und Ermordung der jüdischen Einwohner Jenas:

Von den uns heute bekannten 173 Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Jena, die gemäß der nationalsozialistischen Rassendoktrin als „Voll-juden“ oder als „Mischlinge ersten Grades“ verunglimpft und verfolgt wurden, kamen mindestens 50 in Konzentrations- und Vernichtungslagern ums Leben.

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Der größte Teil von ihnen wurde ermordet, acht weitere Personen wählten den Freitod. Mehr als 100 der früheren jüdischen Mitbürger wurden zwischen 1933 und 1945 aus ihrer Heimatstadt vertrieben.

20 000 m3 Schuttmassen mussten mit Hilfe von LKWs aus der Stadt transportiert werden. Da es kein Benzin gab, wurden häufig Pferde und Ochsen vor die Fahrzeuge gespannt.

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Verlorene Geschichte Jenas:

Vom Fundus des Stadtmuseums konnten nur noch 4000 der 25000 Objekte gerettet und aus den Trümmermassen des alten Standortes geborgen werden.

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Zerstörte Infrastruktur:

Unmittelbar nach Kriegsende blieben zunächst viele Verkehrs- und Nachrichtenverbindungen unterbrochen, zum Teil infolge der Zerstörungen im Frühjahr 1945, zum Teil durch die Sprengung der großen Saalebrücken in den letzten Stunden des Krieges.

 




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