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Redebeitrag des Aktionsnetzwerkes zur Mahnwache am 30. Januar 2008 in Altlobeda

Der 30. Januar 1933 war ein Tag von epochaler Bedeutung. In den Geschichtsbüchern kann man nachlesen, wie die Ernennung von Hitler zum Reichskanzler möglich wurde, wie die Nazis dies mit ihren Fackelzügen feierten, wie das Feuer dieser Fackeln schließlich Teile Europas und der Welt in Brand setzte und wie dieses von den Nazis entfachte Feuer auf Deutschland zurück schlug.

75 Jahre später scheint dieses Feuer verraucht, aber es ist noch nicht gänzlich erstickt. Ich möchte über vier Erinnerungen sprechen, die uns notwendig sind, die von diesem Tag und dieser Zeit zu uns herüber reichen und die der Grund sind, warum wir heute hier  in Altlobeda vor dem „braunen Haus" eine Mahnwache halten und sagen: Nie wieder!

 


Die erste Erinnerung

gehört den Opfern: fast 60 Millionen erschlagene, erschossene, vergaste, erhängte, gefallene, vermisste Menschen. Und hinter jeder dieser Zahlen von 1 - 60 Millionen steht ein Name, ein Mensch, ein Leben, das nicht zu Ende gelebt werden durfte ... das ist eine so ungeheure Dimension von Leid, die niemals dazu führen kann, jemals davor Ruhe zu finden. Dieses Leid ist in unsere Erinnerung eingeschrieben, lässt uns nicht in Ruhe und verlangt von uns: Nie wieder zulassen, dass Nazis das Sagen, das Handeln bekommen! Nie zulassen, dass dieses Leid, vergessen wird, verharmlost wird, abgewiegelt wird!

 

Die zweite Erinnerung

gilt den Menschen, die weg geschaut haben. Nur 500 Nazis sind in Jena mit Fackeln durch die Stadt gezogen und haben die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler bejubelt.

Aber wie viele standen hinter den Gardinen, haben zugeguckt, vielleicht hämisch gefeixt, weil es endlich losging, gegen die Juden, gegen die Kommunisten, gegen die Sozis? Weil man sich selbst etwas davon versprach: das Unglück des anderen, der schäbige Nutzen für sich selbst...

Wie viele standen hinter den Gardinen, als die Juden von Jena auf die Lastautos gezerrt und abtransportiert wurden?  - denn es geschah am helllichten Tag.

Wie viele standen hinter den Gardinen, als die Buchenwaldhäftlinge durch Jena getrieben wurden? - auch dies geschah nicht in der Dunkelheit.

Die Motive für dieses Wegschauen mögen unterschiedlich gewesen sein: Egoismus, Angst, Gleichgültigkeit, Desinteresse - doch die Wirkung war verheerend:

Diese schweigende Mehrheit hat Hitlers Aufstieg ermöglicht, die scheinbar „unpolitische Menge" war ein enormer politischer Faktor deutscher Geschichte.

Nie wieder!

Auch heute gibt es diese schweigende Mehrheit. Die dürfen wir nicht abschreiben, sondern wir müssen sie für uns gewinnen. Das ist ungeheuer schwierig - aber wir können das, denn wir haben gute Argumente, wir haben Überzeugungskraft, Einfühlungsvermögen, Geduld. Wir müssen mehr werden und wir werden mehr, das ist sicher.

 

Die dritte Erinnerung

gehört dem Widerstand: der Widerstand in Deutschland war klein, verschwindend klein, aber wir dürfen ihn nicht klein reden, denn jeder, der daran teilnahm, war groß und hat hohe Würdigung verdient. Doch es waren zu wenige, die Nein sagten und dafür etwas taten, nicht selten ihr Leben einsetzten - und die wenigen fanden nicht zusammen. Die Zersplitterung der Linken, die ihre ideologischen Vorbehalte nicht überwinden konnten, zu keiner oder nur sehr partiell zu einer Aktionseinheit zusammenfanden, das war die große Tragik dieses Widerstands. Und der Volksfrontgedanke - dass sich eine breite Mehrheit unterschiedlichster Herkunft zusammen schließe - dieser Volksfrontgedanke wurde von Anfang an gefürchtet und wird bis heute denunziert.  Kommunisten, Sozialdemokraten, Bürgerliche, kirchliche Kreise, Offiziere der Wehrmacht fanden zu keinem gemeinsamen Handeln; die Uneinigkeit der Widerstandskämpfer aus allen Lagern hatte schlimme Folgen: sie kämpften nicht zusammen, aber der faschistische Terror rollte über sie alle hinweg. Sie kämpften getrennt und unterlagen gemeinsam. Die Lehre klingt abgedroschen, aber dennoch ist sie wahr: nur gemeinsam sind wir stark, lasst es nicht zu, dass wir uns auseinander dividieren, sondern freuen wir uns über jeden, der zu uns kommt. Es geht nur gemeinsam, und unser Bündnis muss vom zögerlichen, ängstlichen Bürger bis zur kampferfahrenen Antifa reichen - nur gemeinsam schaffen wir es gegen die Nazis von heute.

 

Und nun die vierte Erinnerung,

und die ist den Tätern gewidmet.  Hier möchte ich von einer persönlichen Erfahrung sprechen: Ich gehöre zu der Generation der Nachkriegskinder. In  nahezu jeder Familie dieser Generation gab es die Kriegsheimkehrer: unpolitische Väter, Mitläuferväter, fanatische Naziväter, SS-Väter. Und sie saßen am Abendbrotstisch, klagten über die Not der Kriegsgefangenschaft und schwiegen über den Krieg und das, was sie dort gesehen und getan hatten. Sie haben uns, ihren Kindern, ihre Wahrheit nicht mitgeteilt und sind oft selbst mit ihren Verletzungen und ihren Lebenslügen ins Grab gegangen. Für meine Generation war es sehr schwer, die Wahrheit zu finden und anzunehmen. Sie stand in den Geschichtsbüchern, da konnte man seinen Kopf bilden, aber es war auch eine extreme emotionale Anstrengung, denn die Geschichte reichte in jede Familie hinein. Diese erkämpfte Wahrheit lassen wir uns nicht wegnehmen, wir reichen sie an unsere Kinder weiter. Und wir lassen sie nicht weglügen, umlügen von den Neonazis, die aus Verbrechern Helden machen wollen.

Und nun zu ihnen, die eine ihrer schmutzigen Zentralen nur wenige Meter von uns entfernt haben. Nur vier Stichwörter dazu:

  1. Sie sind würdelos. Sie trampeln auf der Würde von 60 Millionen Toten herum und lassen sie so noch einmal sterben - das ist würdelos
  2. Sie sind gewissenlos. Denn die intelligenteren von ihnen wissen ganz genau, dass sie lügen und die Geschichte verdrehen, aus Machtgeilheit, Herrschsucht - das ist gewissenlos
  3. Sie sind skrupellos. Ihre Sprache ist die Sprache der Gewalt. Sie setzen alle erdenklichen, auch brutalen Mittel ein gegen Andersdenkende, gegen die Schwachen, Ausländer, Frauen, Behinderte - das ist skrupellos.
  4. Sie sind aber - und das sage ich mit besonderer Lust und gleichsam als Schlusssatz: sie sind chancenlos. Denn wir sind viel mehr, wir haben die besseren Argumente, wir haben mehr Wissen und Verstand, aber wir haben auch mehr Gefühl, Mitgefühl und - lassen Sie mich das altmodische Wort sagen: Herzenswärme. Wir sind hilfsbereit. Wir sind solidarisch. Wir sind stark. Wir lassen es nicht zu, dass es je noch einmal einen Fackelzug durch ein Nazideutschland geben wird wie am 30. Januar 1933.

(Gisela Horn, 30. Januar 2008, zur Mahnwache in Altlobeda)




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